Leinöl wird aus Flachs gewonnen, einer wild wachsenden Pflanze, die sich jedoch auch gut kultivieren lässt. Sie ist einjährig, wird 30 bis 100 cm hoch und treibt im Laufe der Monate Juni und Juli blaue Blüten. In diesen bilden sich flache elliptische, bräunliche Samen - die Leinsamen. Der Flachs gehört zu den ältesten Kulturpflanzen. Schon früh wurde er zur Stoffherstellung genutzt. Geschätzt waren die Fasern wegen ihrer Länge, Feinheit und weissen Farbe.
In der Volksmedizin werden die heilenden Samen verwendet. Reich an Schleim, wirken sie anregend auf den Darmtransit. Sie enthalten auch entzündungshemmende Substanzen, die innerlich (Verdauungstrakt, Harnwege) wie äusserlich (Haut) wirken. Leinsamenmehl schliesslich dient zur Herstellung von Wickeln. Hier interessieren uns jedoch die Eigenschaften des Öls mit seinem hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren oder Vitamin F.
Ungesättigte Fettsäuren und Vitamin F sind identisch. Haupt- und fast einzige Quelle für die ungesättigten Fettsäuren sind kaltgepresste Pflanzenöle. Vitamin-F-Mangel ist verbreitet, verwendet doch die Mehrheit der Bevölkerung warmgepresste, raffinierte Öle (die Hitze zerstört das Vitamin F). Einfachstes Zeichen eines Mangels ist eine trockene Haut: Anfangs vor allem auf den oberen Extremitäten lokalisiert, geht sie auf den Rücken über und verbreitet sich von da über den ganzen Körper.
Fettsäuren gehören zu den Grundelementen aller Fette. Der Unterschied zwischen einem Fett und einem Öl ist nicht, wie allgemein angenommen, die tierische oder pflanzliche Herkunft, sondern der Gehalt an gesättigten und ungesättigten Fettsäuren. So bestehen alle fetthaltigen Produkte (Butter, Schweineschmalz, Sonnenblumenöl usw.) aus gesättigten und ungesättigten Fettsäuren; sie unterscheiden sich einzig durch ihren Anteil.
Der Name besagt es: anders als ungesättigte Fettsäuren können sich gesättigte Fettsäuren nicht mehr mit anderen Atomen oder Molekülen verbinden. Je reicher eine Substanz an gesättigten Fettsäuren, umso fester, je reicher an ungesättigten, umso flüssiger.
Im Gegensatz zu den gesättigten kann der Körper ungesättigte oder essentielle Fettsäuren nicht selbst herstellen. Weil sie durch die Nahrung zugeführt werden müssen, bezeichnet man sie als Vitamine, denen man den Buchstaben F verliehen hat.
Obwohl der Volksmund gesättigte als "schlechte" Fettsäuren bezeichnet, ungesättigte hingegen als "gute", sind beide notwendig. Die ungesättigten sind an der Zusammensetzung des Gewebes beteiligt und dienen zum Aufbau des Körpers; die gesättigten produzieren vorwiegend Energie (Wärme, Brennstoff für die Muskeln), können sich aber mit dem Cholesterin verbinden und an den Gefässwänden ablagern - Ursache der Arterienverkalkung, die zu Herz- und Gefässkrankheiten führen kann wie Embolie, Herzinfarkt oder Hirnschlag. Daher ihr schlechter Ruf.
Die essentiellen Fettsäuren helfen, den Cholesterinspiegel zu senken und den Körper von diesen Ablagerungen zu befreien. Anstelle der gesättigten Fettsäuren mischen sich die ungesättigten mit dem Cholesterin zu einer leicht löslichen Verbindung, die ebenso leicht den Blutkreislauf verlassen kann, um in die verschiedenen Drüsen zu gelangen, wo sie zur Hormonproduktion, etwa der Herstellung von Bilirubin, benötigt wird.
Es gibt drei hauptsächliche ungesättigte Fettsäuren bzw. F-Vitamine: Arachidonsäure, Alpha-Linolsäure und Linolsäure. Von ihnen hängt es wesentlich ab, ob Gifte und Toxine in unseren Körper eindringen können.
Haupteingang für Toxine ist unser Darm, vor allem, wenn er in schlechtem Zustand ist. Normalerweise arbeiten die Schleimhäute des Darms wie ein intelligenter Filter, der nur durchlässt, was dem Organismus dient. Die mit der Nahrung aufgenommenen Gifte (Zusatzstoffe, Umweltgifte oder Gärungs- und Fäulnisgifte, entstanden durch falsche Verwertung der Nahrungsmittel) werden gezwungen, im Darmtrakt zu bleiben, und können mit dem Stuhlgang ausgeschieden werden.
Damit die Darmschleimhäute ihre Aufgabe richtig erfüllen können, benötigten sie ungesättigte Fettsäuren. Sind diese nicht vorhanden, werden die Schleimhäute geschwächt, verletzt und durchlässig: Die gewöhnlich grösseren Moleküle der Toxine können ins Blut eindringen und sich über den Organismus verteilen. Sie beeinträchtigen unser ganzes Körpermilieu, was schliesslich krank macht.
Der Organismus ist diesen Toxinen allerdings nicht einfach ausgesetzt. Die Leber kann jene Gifte neutralisieren, die die Barriere der Darmschleimhäute passierten: Was immer die Kapillaren der Darmschleimhäute aufnehmen, wird zuerst durch die Pfortader zur Leber geleitet. Die Nährstoffe werden in den Blutkreislauf abgegeben - umgewandelt oder nicht - und gelangen dann zu den Zellen. Die Gifte werden unwirksam gemacht oder mit der Galle vermischt und wieder dem Darm zugeführt und dann durch ihn ausgeschieden, allerdings nur, wenn die Darmschleimhäute in gutem Zustand sind. Sind sie durchlässig, muss der Körper die Gifte wieder aufnehmen. Intakte Darmschleimhäute sind also doppelt wichtig. Heutzutage ist der Vitamin-F-Mangel verbreitet und damit auch die Selbstvergiftung via Darm.
Eine wichtige Rolle spielen die ungesättigten Fettsäuren auch in unserem Abwehrsystem, dem sogenannten Immunsystem. Dank ihnen können die Prostaglandine gebildet werden. Droht dem Organismus Gefahr von einer Bakterie, einem Virus oder einer Krebszelle, verteidigt er sich folgendermassen. Erst reagiert er in Form einer Entzündung: die Gefäs-se dehnen sich aus; ihre Durchlässigkeit nimmt zu; das Blut strömt vermehrt; der Austausch wird beschleunigt. Damit wird die Tätigkeit der Abwehrkörper (Lymphozyten, Antikörper usw.) erleichtert. Diese Entzündung wird durch "kriegerische" Prostaglandine (PGE 2) ausgelöst - produziert mit der ungesättigten Arachidonsäure. Sind die Angreifer geschlagen, führen die entzündungshemmenden "friedlichen" Prostaglandine (PGE 1 und PGE 3) das Abwehrsystem wieder in normale Verhältnisse zurück. Ohne diese dauert die Entzündung an, ihre anfänglich günstige Wirkung verkehrt sich ins Gegenteil und führt schliesslich - ausgelöst durch die eigenen Abwehrkräfte - zu Entzündungskrankheiten wie Arthritis und Allergien oder zur Zerstörung gewisser Gewebe: Hautverkalkung zum Beispiel oder multiple Sklerose. Der Körper empfindet seine eigenen entzündeten Gewebe als Dauerangriff und sucht sich davon zu befreien, indem er sie zerstört.
Die "kriegerischen" Prostaglandine fehlen in der Regel kaum je, weil sie, wie gesagt, mit Arachidonsäure hergestellt werden, die sowohl in Pflanzenölen als auch in Tierfetten enthalten ist. Die "friedlichen" Prostaglandine (PGE 1 und 3) hingegen werden nur mit Fettsäuren aus kaltgepressten Pflanzenölen produziert: PGE 1 mit Linolsäure, die in grossen Mengen in zahlreichen Ölen aus erster kalter Pressung vorkommt (Distelöl 76 %, Sonnenblumenöl 65 %, Weizenkeimöl 62 %, Nussöl 60 % und Maiskeimöl 57 %), PGE 3 mit Alpha-Linolsäure, deren Quellen viel seltener und weniger reichhaltig sind (Olivenöl 0%, Sonnenblumen- und Distelöl 1%, Weizenkeimöl 8%, Nussöl 14%).
Eine einzige Quelle bildet eine Ausnahme: Leinöl enthält 49% Alpha-Linolsäure. Dies übersteigt bei weitem sämtliche anderen Quellen! Der Gehalt an Linolsäure hingegen ist mit 15% nicht sehr hoch, was nicht weiter schlimm ist, da diese Fettsäure in reichem Mass in kaltgepressten Pflanzenölen enthalten ist. Die hauptsächliche Heilkraft des Leinöls liegt in seiner Wirkung auf die Durchlässigkeit der Schleimhäute und das in unserer Zeit oft geschwächte Immunsystem.