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Schlank macht nicht krank

Schlank macht nicht krank


Teil 1


Bis vor kurzem lastete über jeder Schlankheitskur der Verdacht, dass der scheinbar unvermeidliche Jojo-Effekt Stoffwechsel und Kreislauf beeinträchtigen könnte. Zumindest diese Befürchtung trifft nicht zu, wie Davis Williamson vom Centers for Diseas Control and Prevention in Atlanta nachweisen konnte. Der Experte stützt sich hauptsächlich auf zwei Studien, in denen insgesamt 76'000 Männer und Frauen, die schon einmal abgenommen hatten, gründlich unter die Lupe genommen wurden. Was beide Studien auszeichnete: Sie unterschieden, ob der Gewichtsverlust beabsichtigt oder unbeabsichtigt war. Nimmt ein Mensch unfreiwillig ab, kann dies auch das Vorzeichen oder Symptom einer schweren Krankheit sein. Dass diese wichtige Unterscheidung in anderen Studien ausser Acht blieb, könnte auch die verwirrenden Ergebnisse bisheriger Analysen erklären: Mal schien sich das Abnehmen positiv auf das Krankheits- und Sterberisiko auszuwirken, mal kamen die Forscher zum umgekehrten Schluss. Fazit der neuen Auswertung: Das bewusste Abnehmen hatte dem Leben kein vorzeitiges Ende gesetzt. Es wirkte sich allerdings auch nicht lebensverlängernd aus. Das ist irritierend, denn immerhin geht mit Übergewicht auch ein grösseres Risiko für Diabetes und Herzleiden einher.

Wirkt sich das Abnehmen nicht auf die Überlebenszeit aus, weil mögliche Vorteile durch bislang unbekannte Nachteile aufgewogen werden? Oder liegt es daran, dass in den meisten Fällen die Gewichtsreduktion nur eine Episode bleibt? Andere Daten zeigten, dass sich Abnehmen zumindest für jene Übergewichtige lohne, die an Krankheiten wie etwa Diabetes leiden, stellt die Berliner Ärztin Arya Sharma fest. Aber längst nicht alle Dicken seien krank, räumt sie ein. "Meiner Ansicht nach reicht unser Wissen nicht aus, um einer ganzen Bevölkerung Abnehmen zu empfehlen".

"Die Daten stimmen sehr optimistisch", meint die Psychiatrieprofessorin Rena Wing. "Wir konnten mühelos 2500 Probanden identifizieren, die von ihrem Übergewicht losgekommen waren". Im Schnitt nahmen die Teilnehmer 30 Kilos ab und wogen fünfeinhalb Jahre nach der Diät noch immer mindestens 14 Kilos weniger als davor. Die Hoffnung, man könne den Fettbezwingern ein Patentrezept abgucken, bleibt allerdings unerfüllt. Jeder der ehemaligen Pfundskerle war nach seiner eigenen Fasson vorgegangen. Die meisten hatten einfach weniger oder gesündere Nahrungsmittel gegessen und die individuelle Abmagerungskost mit Sport ergänzt. Kaum jemand hatte auf Extratouren wie radikale Pulverdiäten gesetzt.

Wie im Londoner Hyde Park, so steht an jeder Ecke der Gesellschaft ein Prediger, der Dicken und Ernährungsverwirrten das allein seligmachende Erfolgsrezept zur Gesundheit und zur schlanken Taille offeriert. Der eine preist die Wunder der Trennkost, der andere legt sich für fleischlose Ernährung ins Zeug, ein Dritter lobt die Heilkraft der Kartoffel über den grünen Klee. "Es verhält sich mit der Ernährung wie mit der Mode", meint Nicolai Worm. "Irgendetwas ist immer gerade top". Bei vielen Topleuten in der Ernährungsberatung ist weiterhin das Fett der Belzebub. "Wer abnehmen oder sein Gewicht halten will, der muss in unserem fettreichen Schlaraffenland seinen Blick für Fettkalorien schärfen", lässt Professor Volker Pudel, Leiter der ernährungspsychologischen Forschungsstelle der Universität Göttingen, verlauten. "Fett macht fett", pflichtet Hans Hauner vom Deutschen Diabetes-Forschungsinstitut unmiss-verständlich bei, "denn ein Gramm Fett enthält neun Kilokalorien, bei Eiweiss und Kohlenhydraten sind es nur die Hälfte“. Zu allem Übel setzt der Sättigungseffekt beim Konsum fettreicher Mahlzeiten viel langsamer ein. Bevor man sich versieht, hat man eine Riesenportion vertilgt. Ausserdem geht bei der Umwandlung von Nahrungsfett in Depot-fett kaum Energie verloren. Speichert der Körper dagegen Eiweiss, verpufft ein grosser Teil.

Von den überschüssigen Kohlenhydraten kann unser Körper nach der Theorie nur 11 Prozent in Fett verwandeln. Fettverzicht bringt es nicht. Eine scheinbar "vorbildliche", kohlenhydratreiche und fettarme Diät müsste demnach zu einer raschen "Verdünnisierung" führen. Fehlanzeige, meint Diät-Kritiker Worm: In keiner der bisher vorliegenden Interventionsstudien habe der Fettverzicht eine dauerhafte Gewichtsabnahme bewirkt. Ähnliches legte die Harvard University School of Public Health kürzlich im New England Journal of Medicine dar: Keine einzige Studie, so hiess es, habe je bewiesen, dass eine bestimmte Fettmenge täglich ideal ist. Der Vergleich der Länder mit hohem und niedrigem Fettverzehr führt die Argumente der Anti-Fett-Liga ebenfalls ad absurdum: Bei den besonders schlanken Dänen werden sage und schreibe 44 % der Kalorien in Form von Fett einverleibt. Die Vertreter der "Steinzeitdiät", die sich an die Ernährungsweise unserer naturnah lebenden Vorfahren klammern, verfallen ins entgegengesetzte Extrem. Sie schliessen jede Form von Stärke, die Blutzucker- und Insulinspiegel aufputscht, von der Speiseliste aus. Die Lebensweise als Jäger und Sammler habe unseren Körper an eine Kost angepasst, die zum grossen Teil tierischen Ursprungs sei. Gegessen wird daher nach dem "Glykämischen Index", einem Mass für die Fähigkeit von Stärke, den Blutzucker zu puschen. Doch besonders in der Medizin, die lieber "Broteinheiten" operiert, gilt der GI, der in den siebziger Jahre zur Beratung der Diabetiker entwickelt wurde, als unpraktisch. Nur der Brennwert zählt. Möglicherweise bringen solche extremen Diäten in der ersten Zeit einen Gewichtsverlust, weil der radikale Verzicht auf Fett oder Stärke die Sinneslust beim Essen stört.
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