Lange Zeit waren sie in Europa in Vergessenheit geraten: die medizinisch wirksamen Aloe-Arten, die schon unsere Grossmütter kannten. Seit einigen Jahren feiern, die oft sehr stacheligen, kakteenartigen Pflanzen ein nicht zu stoppendes Comeback. Zu Recht, denn die heilsame Aloe gilt wieder als die Königin der Arzneipflanzen.
Von den über 400 Aloe-Arten, die auf der Welt wachsen, sind vor allem drei Arten medizinisch wertvoll: die Aloe arborescens, die Aloe ferox und die Aloe vera. Dabei hat die Aloe vera auch noch die Namen Aloe barbadensis, was nichts anderes heisst, als dass es sich um eine Aloe vera handelt, die ursprünglich auf der karibischen Insel Barbados wuchs, und sie hat auch noch den Namen Curacao Aloe. Die Aloe ferox hat noch die gebräuchlichen Synonyme Cape Aloe oder Kap Aloe, wilde Aloe und aufgrund ihres hohen Bitterstoffgehalts auch den Namen Bitteraloe. Die heilkräftige Wirkung der Aloe arborescens oder auch einiger anderer Aloe-Arten wird heute kaum noch genutzt. Die fantastischen Wirkungen der beiden anderen Arten, der Aloe ferox und der Aloe vera, wurden jedoch erst anfangs unseres Jahrhunderts wieder entdeckt. In vielen mediterranen Ländern wachsen Aloe-Pflanzen zusammen mit Agaven in den oft winzigen Gärten hinter den Häusern oder in Pflanzkübeln vor der Haustüre. Mit den sehr ähnlichen Agaven sollte man die Aloe aber nicht verwechseln, gehören die Agaven doch in eine ganz andere Pflanzenfamilie und besitzen nicht die wundheilenden Wirkungen der Aloe.
Die Königin der Sukkulenten, der wasserspeichernden Pflanzen, gehört zur Familie der Liliengewächse und blüht jedes Jahr, im Gegensatz zur Agave, die nur ein einziges Mal in ihrem Leben blüht und danach abstirbt. Die Aloe vera blüht eher in gelb-orangen Tönen und wächst direkt am Boden, die Aloe ferox blüht in kräftigeren Rottönen und bildet im Laufe der Jahre einen Stamm wie eine Palme aus.
Aloe-Herkunft
Ursprünglich kamen alle Aloe-Arten vom afrikanischen Kontinent und wurden von dort über die ganze Welt in Länder mit subtropischem, tropischem oder mediterranem Klima verbreitet. Die Aloe-Pflanze ist bei den Medizinmännern der afrikanischen Stämme in vielerlei Anwendungen hochgeehrt, die Indianer Amerikas nannten sie die Quelle der Jugend, die Mayas überlieferten zahlreiche Rezepte von der wundersamen Heilkraft der Pflanzen, und von Columbus soll der Spruch stammen: Vier Pflanzen sind unerlässlich für das menschliche Leben: der Weizen, die Rebe, die Olive und die Aloe. Die erste nährt ihn, die zweite erfreut sein Herz, die dritte bringt ihm Harmonie, die vierte macht ihn gesund. Fest steht, dass viele Welteroberer Aloe-Pflanzen in Töpfen mit auf ihre Seereisen nahmen, um mit dem Gel die geschundene Haut und die vielen Wunden ihrer Seeleute zu heilen und mit dem Verzehr einzelner Blattstücke die Strapazen jener langen Seereisen und Entdeckungen zu ertragen.
Aloe-Gel als tief wirksames Hautpflegemittel
Natürlich war die Aloe auch als Schönheitsmittel beliebt. Die schönen Königinnen Nofretete und Cleopatra sollen, so sagt uns die Überlieferung, das gallertartige Innere der Blätter täglich direkt auf den gereinigten Körper gestrichen haben und zusammen mit feinen Ölen als feuchtigkeitsspendende Emulsion verwendet haben. Die Bestätigung der enormen Wirkungen auf die Hautzellen durch zahlreiche Versuche hat heute viele Kosmetikfirmen dazu bewogen, Aloe-Extrakte und Aloe-Gele direkt in kompletten Kosmetikserien einzusetzen. Man weiss heute, dass die Aloe-Gele durch pflanzeneigene sogenannte Mediatorsubstanzen in der Lage sind, wirklich tief in die Hautschichten einzudringen. Frische Aloe-Gele können bis zur Keimschicht in der Haut vordringen und so die Regenerationsfähigkeit der Keimzellen, die schon ab einem Alter von 25 Jahren nachlässt, steigern. Aloe-Gele sind erwiesenermassen in der Lage, die Hautalterung - vor allem nach Sonnenbädern zu verlangsamen und der Haut wieder Elastizität zu verleihen.
Wundheilung
Dieselben Prinzipien gelten bei der bekannten enormen Wirkung des Blattinneren der Aloe bei Verletzungen oder Verbrennungen und bei Narben. So wie sich die Pflanze selber innerhalb weniger Stunden nach einer Verletzung, zum Beispiel, wenn ihr ein Blatt abgeschnitten worden ist, heilt, indem sie ihre Schnittwunde schnellstmöglich wieder verschliesst, so bildet sie über Wunden und Verbrennungen einen dünnen Film. Es bildet sich schnell neues Wundgewebe, so dass sich die Wunden rasch verschliessen und schneller abheilen. Ideal wirkt das Aloe-Gel auch bei Tieren, die sich verletzt haben.
Aloe-Anbau
Aloe vera wird heute in zum Teil riesigen Anbauarealen in Ländern wie Mexiko und Texas oder auf Hawaii kultiviert. Aber auch in Europa gibt es inzwischen einige Hektaren mit Aloe vera-Kulturen wie zum Beispiel in Spanien oder auf den Kanarischen Inseln oder den Balearen. Aloe ferox wächst dagegen wild auf riesigen Hochebenen in Afrika, vor allem in Südafrika, aber auch in vielen Ländern Asiens.
Die Inhaltsstoffe
Schneidet man ein Aloe-Blatt ab, so tropft unmittelbar danach ein gelblicher, zäher Saft aus dem Blatt, der so bitter schmeckt, dass man freiwillig nicht in Versuchung kommt, mehr als einen Tropfen davon einzunehmen. Was auch nicht ratsam ist, da dieser Aloin und Aloe-Emodin-haltige Bittersaft in hohen Dosierungen für den Menschen ziemlich giftig ist. Deswegen ist es unbedingt erforderlich, diesen Bittersaft vom gelartigen Pflanzeninneren zu trennen. Dabei enthält die Aloe vera etwas weniger Bitterstoffe als die Aloe ferox. Bei beiden sitzt der Bittersaft nahe der Blattepidermis, lässt sich also durch Schälen der Blattoberhaut teilweise entfernen. Aloin und verschiedene andere Aloe-Bitterstoffe haben jedoch in kleinen Dosierungen eine phantastische Wirkung, die bereits im Mittelalter von den Ärzten und deren oft sehr reichen und überfütterten Patienten geschätzt wurde: Sie wirken mehr oder weniger stark abführend und sind bis heute in verschiedenen Laxativas (Abführmitteln) enthalten, die wegen ihrer sanften, aber sehr eindeutigen Wirkung ideal bei Verstopfung sind. Die Bitterstoffe sitzen hauptsächlich unter der Blattoberfläche. Deshalb kann man das gelartige Blattinnere zwar auch selber entsaften und mit Fruchtsaft mischen, wie das in einigen Büchern zu lesen ist, aber Vorsicht: Wegen des Bitterstoffgehalts ist es nicht sehr ratsam, selber Aloesaft herzustellen, da immer noch kleine Spuren der Bitterstoffe im Blattfilet enthalten sein können, die eine abführende und entwässernde Wirkung haben. Alle kommerziellen Aloe-Säfte, die weltweit verkauft werden, enthalten garantiert keine Bitterstoffe mehr, sondern nur den reinen Saft. Dieser bitterstofffreie Saft hat es aber in sich: Über 160 verschiedene Inhaltsstoffe machen die Aloe fast zu einer Wunderarznei.
Heilende Aloe
Der natürliche Gehalt an Salizylsäure und B-Sitosterol ist verantwortlich für den Einsatz der Aloe als natürliches Schmerzmittel. Der Gehalt an verschiedenen Polysacchariden und ihr Zusammenspiel untereinander steigert die unspezifische Immunabwehr. Dazu sollten einige Zeit lang Aloe-Säfte getrunken werden. Aber auch lebensnotwendige Aminosäuren und Enzyme, wie zum Beispiel das seltene Enzym Bradykinase, sowie Mineralstoffe und Vitamine, wie natürliches Vitamin E lassen die Aloe ganzheitlich wirken. Bei Entzündungen der Mundschleimhaut empfiehlt es sich, Aloe-Saft einige Minuten im Mund zu behalten, so dass die entzündungshemmenden Wirkstoffe auf die Schleimhaut einwirken können. Untersuchungen über die vermutete anticancerogene Wirkung der Aloe sind bis heute nicht abgeschlossen. Auch über die ersten Erfolge bei anderen Erkrankungen zu sprechen wäre noch zu früh. Ein bisschen Wunderpflanze ist der Wundkaktus, wie die Aloe auch noch genannt wird, aber auf jeden Fall. Übrigens: Weltweit gibt es unzählige Geheimrezepturen mit Aloe. Am angenehmsten einzunehmen ist der Saft wohl zusammen mit einem anderen Saft. Die Wirkung der Aloe-Säfte kann verstärkt werden, wenn zum Mixen echt reine Muttersäfte verwendet werden, z.B. Heidelbeersaft, der gleichzeitig die Blasenmuskulatur stärkt, Sanddornsaft, der zusätzlich mit hohen Konzentrationen an Vitamin C aufwartet, oder mit Honig und Gelee Royal, die eine kräftigende Wirkung haben.